Das Phantom des Schmerzes

 

Ich kann mich noch sehr gut an eine bestimmte Situation im Krankenhaus nach meinem Unfall erinnern, als mich ein sehr guter Freund besuchte: Er setzte sich auf mein Bett - und zwar genau auf die Stelle, an der mein Bein ohne Amputation gelegen wäre. Ich schrie auf „hey! Du kannst Dich doch nicht einfach auf mein Bein setzen?!!!“ Das menschliche Gehirn ist schon verrückt! Mein Gehirn hatte noch nicht gelernt, dass ein Teil des Beines fehlt und als mein Freund sich hinsetzte, hat es die gleiche und einzige Info weitergeleitet, die es kannte: Schmerz – in diesem Fall Phantomschmerz.

 

Was sind eigentlich Phantomschmerzen?

Phantomschmerzen bezeichnet eine Schmerzempfindung in einer amputierten Gliedmaße oder einem nicht mehr vorhanden Körperteil. Also ich sage immer: „Ich empfinde einen Schmerz genau an der Stelle, die nicht mehr existiert“.

Dieser Schmerz kann sich bei Jedem ganz unterschiedlich anfühlen: Brennen, Stechen, Reißen, Kribbeln, Quetschen, Zucken, Spannungsgefühl bis hin zum Jucken. Ja, Jucken! Jetzt stellt euch vor, ihr spürt ein starkes Jucken und könnt nicht kratzen!

Stress, Kälte, Wetterveränderungen, Narben, Wasserlassen, Stuhlentleerung und Geschlechtsverkehr können dabei eine Rolle spielen und Phantomschmerzen auslösen. Warum, ist bis heute noch nicht geklärt.

 

Wie entstehen Phantomschmerzen?

Die genaue Ursache von Phantomschmerzen ist noch nicht vollständig erforscht. Anfangs stellte man die Theorie auf, dass die durchgetrennten Nervenenden die Ursache sein könnten. Dort, wo der Nerv durchtrennt wurde, können sich knotenartige Verdickungen, sog. Neurome, entstehen, die sich entzünden können. Diese Neurome senden bereits bei einer leichten Reizung starke Schmerzsignale aus.

In schwierigen Fällen amputierten Chirurgen sogar ein zweites Mal in der Hoffnung die entzündeten Nervenenden zu entfernen. Stattdessen verstärkten sich die Phantomschmerzen allerdings noch. In einigen Fällen durchtrennten Chirurgen sogar die zum Rückenmark führenden sensorischen Nervenbahnen und in ganz extremen Fällen entfernten sie selbst den Teil des Thalamus, der die sensorischen Signale aus dem Körper aufnimmt! Oops…reicht ja schon wenn man eine Gliedmaße verliert.

Heute gibt es andere Theorien. Wissenschaftler fanden heraus, dass sich das Gehirn reorganisieren kann, wenn ein sensorischer Input ausfällt, wie z. B. bei einer Amputation.

Ganz vereinfacht physiologisch erklärt, gelangt ein sensorischer (= Wahrnehmung der Sinnesorgane) Input über afferente Nervenbahnen schlussendlich im Gehirn auf den sogenannten Gyrus postcentralis. Was nach einer griechischen Spezialität klingt, ist in Wahrheit eine Windung, die sich im Großhirn hinter der Zentralfurche befindet und Signale aus den Extremitäten und dem übrigen Körper aufnimmt. In den Neurowissenschaften wird der Gyrus postcentralis auch Homunkulus genannt. Dort gibt es verschiedene Areale mit bestimmten Zellgruppen für die bewusste Wahrnehmung eines Schmerzreizes in einem ganz genau definierten Hautareal, und zwar NUR für dieses. Sprich auf diesem Gyrus gibt es ein Areal, was z.B. nur zuständig ist für den linken Fuß. Daneben befindet sich das Areal vom linken Bein, daneben befindet sich das Areal für die linke Hand usw. Wenn ein Areal, z.B. aufgrund einer Amputation des linken Unterschenkels nicht mehr aktiviert wird, beginnt ein regelrechtes Battle zwischen den Arealen auf dem Gyrus postcentralis. Die umliegenden Areale wollen sich nun das signallose Areal unter den Nagel reißen.

Nicht alle Wissenschaftler stützen diese These. Andere Schmerzforscher behaupten, dass Phantomschmerzen durch peripherphysiologische Veränderungen zustande kommen. Zum Beispiel wird der Stumpf weniger durchblutet oder es besteht im Stumpf eine erhöhte Anspannung der Muskeln.

Es ist also immer noch nicht ganz klar, wie nun der eigentliche Schmerz entsteht und gleichzeitig  bleibt also sehr spannend auf dem Gebiet der Hirnforschung.

 

 

So, und jetzt muss ich aufhören darüber zu schreiben, weil es bei mir schon wieder im linken Fuß zum Kribbeln beginnt.